Leider kann ich den neuen Teil wohl erst im Laufe der Woche präsentieren. Ein paar private Termine haben den Zeitplan etwas verschoben. Ich bitte euch also um Nachsicht.
Morgendämmerung
eine Fantasygeschichte - ein Hobbyautorenblog
Montag, 14. Mai 2012
Sonntag, 29. April 2012
3. Kapitel Teil 8 - Tränen der Verzweiflung
Langsamen Schrittes kam der Mann auf
Syl zu, die widerwärtige Klinge direkt auf ihn gerichtet.
Erneut überschlugen sich die Gedanken
des Jungen, suchten fieberhaft nach einem Ausweg. Es gab nur das
Bett, auf dem er sich befand und den tödlichen Mann direkt vor ihm.
Alles außerhalb seiner Reichweite war wie ausgeblendet. Dann
schärfte sich sein Denken. Was hatte Selina vorhin neben der
Matratze gesucht? Vielleicht war dort eine Waffe versteckt, die sie
unbemerkt versucht hatte, zu erreichen. An diesem Gedanken fraß er
sich fest. So musste es sein. Ein Dolch oder gar ein Schwert. Damit
würde er sich retten können, war Syrill plötzlich überzeugt.
Beim nächsten Schritt des Mannes warf
er sich zum Fußende und griff zwischen Matratze und Bettgestell. Mit
dem stechenden Schmerz in seiner Seite kam auch die Klarheit zurück.
Selbst wenn dort ein Schwert versteckt wäre, hätte er sich wohl
kaum erfolgreich damit zur Wehr setzen können. Seine ganze Erfahrung
im Umgang mit Waffen beschränkte sich auf das Spiel mit Holzstöcken
und seinem Bruder. Dabei war er zwar stets der Siegreiche, wenn er
Melton nicht gerade gewinnen lies, doch das hier war etwas gänzlich
anderes.
Er sah den Mann für den Bruchteil
eines Moments in seiner Bewegung zögern, als Syls jäher Sprung
diesen scheinbar überrascht hatte. Doch sofort änderte sich dessen
Haltung. Statt der gelassenen und aufrechten Positur, nahm er
urplötzlich eine geduckte und gespannte Haltung ein. Syrill tastete
wie wild weiter, wenn sich die vorherige Zuversicht auch bereits
zerstreute. Er wollte schon aufgeben, als er tatsächlich etwas fand.
Er umfasste eine Art Griff und zog. Er zog mit all seiner Kraft, doch
er konnte, was immer er in Händen hielt, nicht befreien oder
losreißen. Voller Wut schrie er auf und zog erneut. Doch in dem
Moment hatte der Mann offensichtlich genug und hechtete auf Syl zu.
Der lies los und rollte zur Seite, als die Klinge des Mannes in die
Matratze fuhr. Syrill fiel dabei herunter und landete auf dem Boden,
was ihm erneut wilde Schmerzen einbrachte.
Dort auf dem Rücken liegend, sah er
den Mann plötzlich über sich stehen. Syrill zog beide Beine an und
trat mit aller Kraft in Richtung der Knie des Mannes. Doch dieses Mal
hatte er kein Glück, als sein Gegner geschickt zur Seite sprang.
Verzweifelt und hilflos robbte der Junge immer weiter zurück,
während die Lippen des Mannes wieder ein hässliches Lächeln
umspielte, als er sich erneut langsam näherte.
Da wurde Syrills Bewegung aufgehalten,
als er rücklings gegen etwas stieß. Er drehte den Kopf und sah in
die toten Augen Selinas. Er hatte den Eindruck, als würden die ihren
auch in seine blicken, um ihn dort, wo immer sie gerade war,
willkommen zu heißen.
Tränen trübten seinen Blick. Er
wollte nicht sterben. Nicht hier, nicht so und nicht, ohne zu wissen,
weswegen. Der Junge schluchzte verzweifelt auf und begann dann
flehentlich zu weinen: „Bitte. Nicht. Ich hab doch nichts getan.
Ich wollte Euch auch gar nicht dort sehen. Bitte. Ich weiß doch auch
gar nicht wer Ihr seid. Ich wollte nur den Menschen dort helfen.“
„Ich weiß. Aber es ist so wie es
ist.“ Syrill meinte tatsächlich so etwas wie Bedauern heraus zu
hören. Kein Lächeln war dieses Mal zu sehen. Die Miene des Mannes
war wie versteinert.
„Ich bin doch nur ein Junge.“,
entfuhr es Syrill noch, dann überkam ihn ein fürchterlicher
Heulkrampf, als sich der Mann mit der Klinge über ihn beugte und der
Junge zusammenbrach.
Syl sah es nicht, nahm es auch kaum
wahr, als plötzlich hinter ihm die Tür mit einem lauten Schlag
aufgestoßen wurde. Der Mann mit dem Messer jedoch schon.
„Was, bei allen Felsenschluchten und
Schmiedefeuern ist denn hier los?“, donnerte eine tiefe Stimme.
* * *
Kosch hatte es am gestrigen
Abend vorsichtiger angehen lassen. Es zwickte ihn zwar, die zu seinem
Widerwillen, doch recht angenehmen Erinnerungen an das kühle Bad,
nicht in den Nebel des Vergessens getrunken zu haben, doch ein Kampf
ist ein Kampf. Und gleich zwei im Rahmen des Wettkampfs standen heute
für ihn an. Er hatte sich von Kelor noch die schnellsten Wege zu den
verschiedenen Wettkampfstätten erklären lassen, die heute auf dem
Plan standen und der junge Gardist hatte ihn am Ende sogar davon
überzeugt, der Eröffnung fern zu bleiben. Der Weg von dort, zur
Arena der Ringkämpfe wäre nach Meinung des Jungen zu lang und
wahrscheinlich zu überfüllt gewesen. Kosch war sich sicher, dass
dieser tattrige Stadtschreiber ihm mit Absicht einen so frühen Kampf
zugeschanzt hatte. An eine faire Auslosung wollte er nicht so recht
glauben.
Wie auch immer. Er konnte
die Zeit auch anderweitig nutzen und so sehr hatte ihn das Geschwätz
eines Ratsobersten nun auch nicht interessiert. Kosch hatte sich
erinnert, dass er noch der Bitte eines Freundes nachkommen wollte,
der eine Verwandte in Weißenburg hatte. Für sie hatte Kosch einen
Brief mitgegeben bekommen. Er verstand zwar nicht, wie jemand vom
Felsenvolk dauerhaft an solch einem Fleck leben konnte, aber wem
gelang dies schon bei Frauen. So hatte er sich von Kelor also noch
ein weiteres Ziel für diesen Tag beschreiben lassen.
Als er am heutigen Morgen
vor den Türen des 'schweigsamen Gartens' stand, konnte er sich immer
noch nicht so richtig erklären, weswegen der Junge so gefeixt hatte,
als er erklärte, dass er dort, noch vor den Kämpfen etwas loswerden
wollte.
„Du wirst schon wissen,
wie du dich am besten auf einen Kampf einstimmst.“, hatte Kelor mit
einem Schmunzeln nur gesagt.
Kosch war also wieder früh
aufgebrochen, zum einen, um dem Gewühl zu entgehen und zum anderen,
da er diesmal seine fast vollständige Ausrüstung mit sich führte.
So klopfte er dann an. Es dauerte jedoch eine kleine Weile, bis sich
etwas tat.
Ein Klappe in der Tür
öffnete sich und ein rundes pausbäckiges Gesicht mit kleinen
Schweinsäuglein musterte ihn.
„Wir haben noch
geschlossen und öffnen heute auch erst nach der Ansprache.
Sperrstunde, mein Herr. Unsere Vögelchen sind auch alle noch am
schlafen oder bereits ausgeflogen. Bitte kommt also später wieder,
dann finden wir mit Sicherheit auch etwas angemessenes für Euch.“
Dabei sprach der Mann auf eine merkwürdig singenden Art und Weise.
Die Klappe war schon fast
wieder geschlossen, als Kosch schnell antwortete: „Halt, halt. Was
will ich denn mit Vögeln? Ich suche Gramil vom Clan der
Silberschmiede und habe einen Brief von ihrem Neffen für sie.“ Er
fragte sich, ob er wirklich richtig war. Vögel und Gärten. Das
passte so gar nicht zu jemandem seines Volkes.
„Gramil sagt Ihr? Nun,
wenn dem so ist, dann kann ich Euch wohl einlassen.“
Ein süffiges Morgenbier war
eine gute Entschädigung für den kleinen Schrecken, den er bekommen
hatte, als er endlich erkannte, um was für ein Etablissement es sich
beim schweigsamen Garten handelte. Nicht, dass es nicht auch
bei seinem Volk Bordelle gegeben hätte, aber die hatten dann
wenigstens eindeutigere Namen wie Lusthalle oder Freudenesse.
Zwerginnen, die diesem Gewerbe nachgingen, waren zwar nicht unbedingt
schlecht angesehen, aber man rühmte sich auch nicht dafür. Da ihn
sein Freund nicht extra vorgewarnt hatte, war sich Kosch recht sicher,
dass auch dieser keine Ahnung hatte, um was für ein Haus es sich
hier handelte und er wollte es ihm ungern sagen müssen.
„Nein, nein. Ich gehöre
nicht zu den käuflichen Mädchen. Ich bin so etwas, wie die
Hausmutter hier.“ Sie schenkte ihm gerade noch mal nach, als sie
sich in einem der privaten Räume des Anwesens unterhielten. Kosch
blies den Schaum vom Rand seines Krugs herunter und fragte:
„Hausmutter?“
„Naja, ich kümmere mich
um die Mädchen. Bin für sie da, wenn sie Probleme haben. Koche,
bessere ihre Kleidung aus und schau eben nach dem Rechten.“ Kosch
nickte verstehend. Wahrscheinlich konnte er doch mit seinem Freund
über ihren Arbeitsplatz sprechen.
„Aber jetzt sag, lieber
Kosch, was geht in Siegenheim so vor sich.“
Er wollte gerade ansetzen zu
erzählen, als ihn ein lautes Klingeln unterbrach. „Was'n das für
n' Krach?“
Gramils Stimme klang
erschrocken: „Das ist der Zimmeralarm eines der Mädchen.“
Sonntag, 15. April 2012
3. Kapitel Teil 7 - Blut am Boden
„Rein da! Setz dich zu dem Jungen und sei still!“ Der schneidende Ton, mit dem der Mann sprach, zeigte deutlich, dass das Mädchen besser seiner Aufforderung nachkam und das Messer in der Hand, das Syrill jetzt sehen konnte, unterstrich dies noch. Der Mann schloss schnell die Tür des Zimmers und hielt dann sein Ohr daran.
„Es ist sonst niemand...“, wollte Selina gerade ansetzen, als der Mann mit wütendem Blick herumfuhr und eine Hand, zur Stille mahnend hoch schnellen lies.
Selina verstummte, rappelte sich dann auf und setzte sich, wie befohlen neben Syrill auf das Bett.
Der Mann legte noch einmal sein Ohr an die Tür und verharrte so mehrere Atemzüge. Er war nicht wirklich groß, wie Syrill nun sah, aber auch nicht besonders klein. Sein braunes Haar trug er so kurz geschnitten, dass es gerade eben, nicht von alleine stand. Mit einfachen, braunen Hosen in einem groben Stoff und einem leinenen, weit geschnittenen Hemd, das von einem schmalen kurzen Gürtel zusammengehalten wurde, war der Mann so gekleidet, dass er ebenso auf einem Hof hätte arbeiten können, wie er auch in eine Abdeckerei gepasst hätte. Ein einfacher Sack, den er schräg über den Rücken trug und dessen Trageriemen vorne über die Brust ging, war neben dem Messer scheinbar alles, was er im Moment bei sich hatte. Das Blasrohr konnte Syrill jedenfalls nicht mehr entdecken.
Syl sah auch kurz zu Selina, die nun still neben ihm saß und ohne Unterlass den Mann beobachtete, während ihre Hand möglichst unauffällig, scheinbar nach irgendetwas zwischen Matratze und Bettgestell tastete. Doch der Mann hatte wohl lange genug lauschend verbracht und drehte sich nun zu ihnen um.
„Wenn ich sage, du sollst dein dreckiges Maul halten, dann tust du das.“, sprach er in ruhigem Ton zu Selina. „Wenn ich dir sage, du sollst dich setzen, dann tust du das auch und wenn ich dir Fragen stelle - und nur dann, beantwortest du sie.“
Syrill fühlte sich in dem Moment, als ob er Luft für den Mann wäre. Dieser sah in weder an, noch hatte er den Eindruck, dass die Worte auch an ihn gerichtet gewesen seien, wenn sich Syrill auch sicher war, dass es besser wäre, ihnen trotzdem nachzukommen. Das entspannte die Situation jedoch, in keinster Weise, für den Jungen.
„Also Mädchen, mit etwas Glück, kann das Ganze hier noch gut für dich ausgehen. Wenn du mich nicht anlügst, kannst du heute Abend schon für den nächsten die Beine breit machen. Wenn nicht, kann es sein, dass du nur noch dem Geschmack von wirklich wenigen Gästen entsprechen wirst.“ Dabei lies er das dünne, lange Messer elegant und leicht über seine Finger tanzen, was Syrill eine Gänsehaut über den Körper jagte.
„Was wolltest du vorhin also sagen? Es ist niemand mehr...?“
Selina schien kurz zu zögern, dann antwortete sie: „Es ist niemand mehr da. Wir sind allein.“ Als der Mann eine Augenbraue hob und den Kopf leicht schief legte, fügte sie noch schnell hinzu: „In diesem Teil des Gebäudes. Wir sind hier allein.“
„Ah, eine gute Antwort. Ich sehe, du hast mich verstanden.“, nickte der Mann zustimmend und Syrill sah klar vor seinem geistigen Auge, wie der Mann sich – wohl wissend, dass sie eben nicht völlig allein waren – eine Lüge Selinas, mit einem Ohr oder ihrer Nase hätte bezahlen lassen.
„Was hat der Bengel dir erzählt?“
Syrill hoffte um Selinas Willen, dass sie nun nichts Falsches sagte, denn für sich selbst hatte er diese bereits aufgegeben. Er konnte sich nicht vorstellen, dass auch er die Chance bekäme, nur Fragen beantworten zu müssen.
„Nichts, er hat mir gar nichts erzählt.“, erwiderte das Mädchen zaghaft.
Der Mann kam bedrohlich einen Schritt näher. „Wo wolltest du dann so schnell hin, als du mir in die Arme liefst? Warum hattest du es so eilig?“
„Er... der Junge war aufgewacht. Und unsere alte Gramil sagte, dass ich sie sofort holen solle, wenn das geschieht.“ Der Mann zog nur wieder eine Augenbraue hoch und Selina sprach sofort weiter. „Die alte Gramil ist unser guter Hausgeist. Sie putzt, wäscht und kennt sich auch mit allerlei Verletzungen aus. Sie hatte seine Wunden bereits mit Salbe und den Verbänden versorgt.“
Syrill war überrascht, wie scheinbar mühelos, ihr ihre Geschichte über die Lippen kam, wo sie ihm doch eben erst die Verbände selbst angelegt hatte.
„Nun gut Mädchen, dann geh und hol deine Alte mal her.“
Selina wirkte irritiert. „Wirklich? Ich meine... warum?“
„Sollst du Fragen stellen, oder einfach tun was ich sage?“ Der Ton des Mannes hatte wieder diese Schärfe, die keinen Widerspruch duldete.
Sie stand auf, schaute noch einmal traurig zu Syrill und ging dann langsam Richtung Tür. Er sah in ihren Augen, dass sie nicht erwartete, ihn noch einmal lebend zu sehen, wenn sie jetzt ging. Doch was dann kam, überraschte sie beide.
Selina hatte gerade den Mann passiert, als dieser plötzlich, ohne jegliche Vorwarnung einmal hart zustach. Syrill schrie auf, aber da sackte das Mädchen bereits still zusammen. Ein hässlicher, roter Fleck breitete sich schnell, von der Mitte ihres unteren Rückens auf dem Stoff und ihrem Körper aus. Syrill sah das schöne Mädchen - wie verlangsamt und einem Déjà-vu gleich - zu Boden gehen und dort hart mit dem Kopf aufschlagen. Ihr linkes Bein zuckte noch kurz, dann bewegte sie sich nicht mehr - nur noch ihr Blut quoll auf den schmalen hellen Teppich, der dort lag.
„Zu schade. Mit ihr hätte man sicher einigen Spaß haben können.“ Fast klang es wie echtes Bedauern, wenn Syrill nicht so ein boshaftes Lächeln die Lippen des Mannes umspielen gesehen hätte.
„So, mein Kleiner. Nun zu uns beiden.“ Langsamen Schrittes kam der Mann auf Syl zu.
„Es ist sonst niemand...“, wollte Selina gerade ansetzen, als der Mann mit wütendem Blick herumfuhr und eine Hand, zur Stille mahnend hoch schnellen lies.
Selina verstummte, rappelte sich dann auf und setzte sich, wie befohlen neben Syrill auf das Bett.
Der Mann legte noch einmal sein Ohr an die Tür und verharrte so mehrere Atemzüge. Er war nicht wirklich groß, wie Syrill nun sah, aber auch nicht besonders klein. Sein braunes Haar trug er so kurz geschnitten, dass es gerade eben, nicht von alleine stand. Mit einfachen, braunen Hosen in einem groben Stoff und einem leinenen, weit geschnittenen Hemd, das von einem schmalen kurzen Gürtel zusammengehalten wurde, war der Mann so gekleidet, dass er ebenso auf einem Hof hätte arbeiten können, wie er auch in eine Abdeckerei gepasst hätte. Ein einfacher Sack, den er schräg über den Rücken trug und dessen Trageriemen vorne über die Brust ging, war neben dem Messer scheinbar alles, was er im Moment bei sich hatte. Das Blasrohr konnte Syrill jedenfalls nicht mehr entdecken.
Syl sah auch kurz zu Selina, die nun still neben ihm saß und ohne Unterlass den Mann beobachtete, während ihre Hand möglichst unauffällig, scheinbar nach irgendetwas zwischen Matratze und Bettgestell tastete. Doch der Mann hatte wohl lange genug lauschend verbracht und drehte sich nun zu ihnen um.
„Wenn ich sage, du sollst dein dreckiges Maul halten, dann tust du das.“, sprach er in ruhigem Ton zu Selina. „Wenn ich dir sage, du sollst dich setzen, dann tust du das auch und wenn ich dir Fragen stelle - und nur dann, beantwortest du sie.“
Syrill fühlte sich in dem Moment, als ob er Luft für den Mann wäre. Dieser sah in weder an, noch hatte er den Eindruck, dass die Worte auch an ihn gerichtet gewesen seien, wenn sich Syrill auch sicher war, dass es besser wäre, ihnen trotzdem nachzukommen. Das entspannte die Situation jedoch, in keinster Weise, für den Jungen.
„Also Mädchen, mit etwas Glück, kann das Ganze hier noch gut für dich ausgehen. Wenn du mich nicht anlügst, kannst du heute Abend schon für den nächsten die Beine breit machen. Wenn nicht, kann es sein, dass du nur noch dem Geschmack von wirklich wenigen Gästen entsprechen wirst.“ Dabei lies er das dünne, lange Messer elegant und leicht über seine Finger tanzen, was Syrill eine Gänsehaut über den Körper jagte.
„Was wolltest du vorhin also sagen? Es ist niemand mehr...?“
Selina schien kurz zu zögern, dann antwortete sie: „Es ist niemand mehr da. Wir sind allein.“ Als der Mann eine Augenbraue hob und den Kopf leicht schief legte, fügte sie noch schnell hinzu: „In diesem Teil des Gebäudes. Wir sind hier allein.“
„Ah, eine gute Antwort. Ich sehe, du hast mich verstanden.“, nickte der Mann zustimmend und Syrill sah klar vor seinem geistigen Auge, wie der Mann sich – wohl wissend, dass sie eben nicht völlig allein waren – eine Lüge Selinas, mit einem Ohr oder ihrer Nase hätte bezahlen lassen.
„Was hat der Bengel dir erzählt?“
Syrill hoffte um Selinas Willen, dass sie nun nichts Falsches sagte, denn für sich selbst hatte er diese bereits aufgegeben. Er konnte sich nicht vorstellen, dass auch er die Chance bekäme, nur Fragen beantworten zu müssen.
„Nichts, er hat mir gar nichts erzählt.“, erwiderte das Mädchen zaghaft.
Der Mann kam bedrohlich einen Schritt näher. „Wo wolltest du dann so schnell hin, als du mir in die Arme liefst? Warum hattest du es so eilig?“
„Er... der Junge war aufgewacht. Und unsere alte Gramil sagte, dass ich sie sofort holen solle, wenn das geschieht.“ Der Mann zog nur wieder eine Augenbraue hoch und Selina sprach sofort weiter. „Die alte Gramil ist unser guter Hausgeist. Sie putzt, wäscht und kennt sich auch mit allerlei Verletzungen aus. Sie hatte seine Wunden bereits mit Salbe und den Verbänden versorgt.“
Syrill war überrascht, wie scheinbar mühelos, ihr ihre Geschichte über die Lippen kam, wo sie ihm doch eben erst die Verbände selbst angelegt hatte.
„Nun gut Mädchen, dann geh und hol deine Alte mal her.“
Selina wirkte irritiert. „Wirklich? Ich meine... warum?“
„Sollst du Fragen stellen, oder einfach tun was ich sage?“ Der Ton des Mannes hatte wieder diese Schärfe, die keinen Widerspruch duldete.
Sie stand auf, schaute noch einmal traurig zu Syrill und ging dann langsam Richtung Tür. Er sah in ihren Augen, dass sie nicht erwartete, ihn noch einmal lebend zu sehen, wenn sie jetzt ging. Doch was dann kam, überraschte sie beide.
Selina hatte gerade den Mann passiert, als dieser plötzlich, ohne jegliche Vorwarnung einmal hart zustach. Syrill schrie auf, aber da sackte das Mädchen bereits still zusammen. Ein hässlicher, roter Fleck breitete sich schnell, von der Mitte ihres unteren Rückens auf dem Stoff und ihrem Körper aus. Syrill sah das schöne Mädchen - wie verlangsamt und einem Déjà-vu gleich - zu Boden gehen und dort hart mit dem Kopf aufschlagen. Ihr linkes Bein zuckte noch kurz, dann bewegte sie sich nicht mehr - nur noch ihr Blut quoll auf den schmalen hellen Teppich, der dort lag.
„Zu schade. Mit ihr hätte man sicher einigen Spaß haben können.“ Fast klang es wie echtes Bedauern, wenn Syrill nicht so ein boshaftes Lächeln die Lippen des Mannes umspielen gesehen hätte.
„So, mein Kleiner. Nun zu uns beiden.“ Langsamen Schrittes kam der Mann auf Syl zu.
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